Teil II
Mittelalterliche Magie


Nachdem wir uns im ersten Teil dieser Serie mit den antiken Ursprüngen der Magie beschäftigt haben, wollen wir uns nun etwas mit den mittelalterlichen Formen der Zauberei beschäftigen. Unter Mittelalter wollen wir hier den Zeitraum zwischen ca. 480 bis 1492 (Entdeckung Amerikas durch Columbus) annehmen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Magie im Mittelalter weniger wissenschaftlich bzw. philosophisch betrachtet wurde als in der Antike. Stattdessen sind die magischen Texte dieser Zeit sehr stark vom Volksglauben geprägt, der wiederum stark von der damals im gesellschaftlichen Leben fast allmächtigen katholischen Kirche geprägt war. Daraus folgt, dass die meisten magischen Systeme dieser Zeit in das biblische Weltbild integriert sind und sich darauf stützen.
Besonders der Glaube an die Existenz von Engeln und Dämonen, die man sich sehr menschlich (mit Adelstiteln und Palästen in der geistigen Welt) vorgestellt hat, hatte großen Einfluss auf die Magie der damaligen Zeit, weiters auch die Alchemie, welche besonders aus dem griechischen und arabischen Raum nach Europa kam und sich mit der Verwandlung der Elemente beschäftigt („Stein der Weisen“).

Ein bekannter Vertreter jener Zeit war der Zauberer und Arzt Paracelsus, der mehrere Bücher über Zauberei und Medizin verfasst hat. Wichtigstes Ziel der damaligen Zauberer war es, durch teilweise hochkomplizierte und fast juristisch anmutende Rituale und Verträge mit Engeln, Erzengeln, Genien (Planetengeistern), Elementalen (Naturgeistern) und besonders Dämonen zu interagieren, meist um mit ihnen Pakte abzuschließen oder sonstige, meist materielle, Vorteile zu erlangen. Diese Rituale wurden in sogenannten „Grimoires“ (wörtlich „Grammatiken“) gesammelt und enthalten ein Sammelsurium an Beschwörungen und diversen Zaubersprüchen, z.B. Liebeszauber, Auffindung eines Schatzes, geschäftlicher Erfolgszauber usw. Oft sind diese Rituale sehr komplex und erfordern uns heute fast bizarr anmutende Requisiten (Totenkopf, Sargnägel, Fledermausblut etc.) oder Handlungen (z.B. 5 km ohne sich umzudrehen in einer geraden Linie rückwärts gehen, um einen Schatz zu finden).

Die im deutschsprachigen Raum bekanntesten Zauberbücher dieser Art sind die zum Teil bis heute nachgedruckten Bücher „Der Rote Drache oder die Weisheit Mosis“ (15 Jhdt.) und das „Zauberbuch von Honorius dem Grossen“. Letzteres soll vom Papst gleichen Namens (12. Jhdt.) verfasst worden sein, was von der Kirche natürlich vehement bestritten wurde. Die Tatsache, dass die meisten Grimoires dieser Zeit lange lateinische Beschwörungsformen erhalten, deutet aber darauf hin, dass sie großteils trotz kirchlicher Verbote oft von (einfachen) Priestern verfasst wurden, da das „gewöhnliche Volk“ jener Zeit dieser Sprache nicht mächtig war.
Auch sonst sieht man in Aufbau, Stil und Wortwahl der Grimoires sehr deutlich katholischen Einfluss. Das noch heute viel verwendete Zauberwort „Hocuspocus“ hat seinen Ursprung in einer Verbalhornung der Worte „Hoc est corpus“, „Das ist mein Leib“. Es sind dies jene Worte, die der Priester in der alten katholische Messe spricht, um das Brot in den Leib Christi zu verwandeln. Vielleicht wird all das mit ein Grund dafür gewesen sein, dass die Kirche des Mittelalters die Ausübung der Zauberei gnadenlos verfolgte und schon der bloße Besitz solcher Grimoires auf den Scheiterhaufen führen konnte. Jedenfalls entwickelte sich die Magie im Mittelalter nur im Untergrund, weil offiziell all das Teufelswerk war. Die Kirche, deren Messe vielleicht selbst eine Form weisser (positiver) Magie darstellt, hat bedauerlicher Weise nicht zwischen weisser und schwarzer Magie unterschieden.

Damit beenden wir unseren Rundgang durch das Mittelalter. In den nächsten Teilen werden wir uns mit Zauberei in der Renaissance und mit wichtigen Vertretern der Neuzeit, deren Systeme z.T. noch heute gelehrt und studiert werden, beschäftigen.

Patrik